„Data_Dress“: Ein Kleid aus Nullen und Einsen

15.02.2017 - Marleen Lohse „Data_Dress“: Ein Kleid aus Nullen und Einsen

Modedesignerin und Stilikone Vivienne Westwood sagte einmal: „Bei Mode geht es darum, Sachen zu tragen, die einem stehen.“ Google und Ivyrevel, ein Schwesterlabel des schwedischen Modehauses H&M, gehen jetzt noch einen Schritt weiter: Sie kreieren Mode, die den Trägerinnen nicht nur steht, sondern auch zu deren individuellem Lifestyle passt. Als Grundlage dienen mit einer App gesammelte Daten, also Nullen und Einsen. Was dabei herauskommt, nennen die beiden Konzerne Coded Couture.

„Ich entwerfe nicht Mode. Ich entwerfe Lifestyle“ – Tommy Hilfiger

Geht es nach Google und Ivyrevel, muss sich bald keine Frau mehr über einen Kleiderschrank voll mit „Nichts anzuziehen“ beschweren: Jede Nutzerin bekommt mit dem „Data_Dress“ ein persönliches Kleid auf den Leib, ja, sogar auf ihr Leben geschneidert. Alles, was sie dafür tun muss, ist eine App zu installieren und rund 90 Euro für die Maßanfertigung zu zahlen, die dann nach Hause geliefert wird.

So zumindest der Plan. Aktuell läuft die App noch in der Betaphase. Mithilfe der Schnittstelle Google Awareness API legt die Nutzerin eine Woche lang ihr Leben offen, das Android-Smartphone sammelt dann über jeden Moment in ihrem Alltag relevante Daten. Zum Beispiel:

• Fährt sie mit dem Fahrrad zur Arbeit? Oder rennt sie jeden Morgen zur Bahn?
• Arbeitet sie in einem Büro?
• Geht sie abends gern ins Kino?
• Treibt sie regelmäßig Sport?
• Liebt sie es, in ein schickes Restaurant zu gehen oder kocht sie lieber daheim?
• Macht sie gern Party im Club oder genießt sie lieber ein Glas Wein in einer Bar?

Aus Standort- und Bewegungsdaten zieht die Programmierschnittstelle Rückschlüsse auf Lebensgewohnheiten und Hobbys. Hinzu kommen Einträge aus dem Terminkalender und Wetterdaten. In einer kälteren Umgebung ist etwa ein dicker Stoff angebracht, bei sportlichen Damen muss die Kleidung bequem sein.

„Wenn eine Frau lächelt, dann muss ihr Kleid mit ihr lächeln“ – Madeleine Vionnet

Die App lernt jeden Tag hinzu und erkennt so den Lebensstil: Entweder ist die Nutzerin fit und aktiv und liebt es, elegant auszugehen oder sie ist gern im Kreise ihrer Freunde und fühlt sich in Szenekneipen am wohlsten. Dementsprechend ergeben sich verschiedene Designs des „Data_Dress“. Zuvor muss die Data-Dress-Anwärterin noch angeben, ob das Outfit für einen formellen Business-Anlass, eine ausgelassene Party oder eine elegante Gala bestimmt ist.

Die Entwicklung hin zur fertigen Maßkonfektion können die Nutzerinnen die Woche über in der App bestaunen. Gefällt ihnen, was sie am Ende von Tag sieben präsentiert bekommen, wandert die Coded Couture in den Warenkorb.

„Die Verschmelzung von Kunst und Code.“ – Kenza Zouiten

Erfinderin der Coded Couture ist die Schwedin Kenza Zouiten, die durch ihren Fashion-Blog und ihre Arbeit als Designerin für Ivyrevel in der Modeszene bekannt ist. Sie war natürlich auch die erste Frau mit eigenem „Data_Dress“ – das zeigt Muster aus ihren Laufstrecken, die mit Strasssteinen auf den Stoff gestickt wurden. So wird sowohl ihre Sportlichkeit als auch der gewünschte Party-Anlass berücksichtigt.

Im Herbst 2017 soll die Coded Couture nicht mehr nur ausgewählten Testerinnen und Modebloggerinnen vorbehalten sein. Dann darf jede Frau über die App ein Kleid, gefertigt nach ihren individuellen Daten, bestellen.

Und was soll das Ganze?

Ob die „Data_Dresses“ wirklich so einzigartig werden, bleibt abzuwarten. Natürlich ist die Coded Couture eine neue Art, Mode zu designen. Allerdings bietet sie auch eine neue Möglichkeit, Unmengen privater Daten zu sammeln. So bewertet H&M den Erfolg des Projekts „Data_Dress“ in der Währung Euro, Google rechnet mit Big Data. Ob man sich wirklich erst vor einem einflussreichen IT-Riesen nackig machen muss, um ein exklusives Stück Mode in den Händen zu halten? Wir sind uns da unsicher und finden das Ganze etwas unheimlich.