Der digitale Presserückblick

24.06.2016 - Matthias Lotzin

Ein Klebestreifen fällt ins Sommerloch, Adblocker gehören endlich verboten, Facebook haut Kohle raus, Snapchat macht alle ganz wuschig, „InStyle“ hat Stil, und Firmen brauchen Löw-Performer – das und mehr in der Presseschau!

Fällt ein Klebestreifen ins Sommerloch…

Den Stein ins Rollen gebracht hat offenbar „Gizmodo“: „Wow, Mark Zuckerberg is paranoid as fuck“, hat das Onlinemagazin seinen Bericht über die abgeklebte Webcam des Facebook-Chefs betitelt und damit einen medialen Sommerloch-Tsunami ausgelöst – die absurdesten Vergleiche inklusive. Die Onlineausgabe der „Süddeutschen“ etwa schreibt: „Das ist das klassische Vorgehen von jemandem, der nicht ausschließt, über die Webcam seines eigenen Computers ausspioniert zu werden.“ Im Fall Zuckerberg sei „das lustig, weil die vielen Menschen auf der Welt, die ihre Webcams abkleben, das nicht zuletzt wegen Menschen wie Zuckerberg tun – dessen Geschäftsmodell darin besteht, möglichst tief und unauffällig in die Privatsphäre der Nutzer einzudringen“. Da hat wohl jemand etwas durcheinanderbekommen, wegen Facebook klebt kein Mensch seine Webcam ab. Und: Sich durch Abkleben vor einem möglichen Hack zu schützen, ist weder skurril noch paranoid, sondern eine wirksame Methode, die seit Jahren von Fachleuten empfohlen wird. Aber es ist ja Sommerloch.

Money makes the stream go round

Facebook setzt voll auf die Karte Live-Video – und lässt sich das richtig was kosten. Wie viel, das will das „Wall Street Journal“ herausgefunden haben. Laut Onlineausgabe der Zeitung hat das Netzwerk Verträge mit „fast 140 Medienunternehmen und Prominenten“ abgeschlossen, damit diese Clips für Facebook Live aufnehmen. Facebook unterstütze die Videoproduzenten mit „insgesamt mehr als 50 Millionen Dollar“, zu den Vertragspartnern würden unter anderem CNN, die „New York Times“, Vox Media, „Mashable“ und die „Huffington Post“ gehören. Rekordempfänger ist demnach „Buzzfeed“, das 3,05 Millionen Dollar erhalten soll. Finanzspritzen gibt’s offensichtlich auch für deutsche Medien: „Bild bekommt ebenfalls Geld von Facebook“, berichtet „Meedia“. Der Springer-Verlag habe das auf Nachfrage bestätigt, das Medienportal zitiert eine Sprecherin mit den Worten: „Wir nehmen in dem Rahmen derzeit auch am ‚Facebook Live Partnerprogramm‘ teil, mit dem wir uns eine Monetarisierung der Verbreitung von Live-Streams auf der Plattform sichern.“ Wie viel Moneten dabei rumkommen, sagt Springer natürlich nicht.

Verbot tut Not

Das leidige Thema Finanzen. Wie im Internet Geld verdienen? Das ist die Gretchenfrage für die Publisher. Die einfache Antwort lautet: mit Werbung. Doch von der fühlen sich die User genervt, zumindest von der klassischen und aufdringlich-störenden Werbung. Nutzer greifen vermehrt zu Adblockern, zunehmend auch zu mobilen für das Smartphone. Gut ein Viertel der Onliner soll bereits Werbeblocker verwenden, von den 18- bis 24-Jährigen sogar jeder Zweite. Das hat die Medienhäuser offenbar dazu veranlasst, mit massiver Lobbyarbeit gegen Adblocker Front zu machen.

So berichtet „Netzpolitik.org“: „Die öffentlich nur wenig diskutierte Arbeit der Bund-Länder-Kommission zur Medienkonvergenz wird nach Intervention von Lobbyisten nun zum Politikum: In ihrem neuen Bericht wird ein Verbot von Ad-Blockern diskutiert.“ Medienanbieter, so das Portal weiter, „bemängeln nämlich, dass sie ein Gesamtprodukt anbieten würden, zu dem im Falle des kostenlosen Anbietens eben auch Werbung gehöre“. Die weitere Argumentation der Publisher, so „Netzpolitik.org“: Dieses Gesamtprodukt werde durch Ad-Blocker „faktisch entbündelt“. Es bestehe aber kein Anspruch auf unentgeltliche Information, weshalb entweder für ein Medienprodukt gezahlt oder die Werbung geduldet werden müsse. Adblocker seien daher eine existentielle Bedrohung für die Onlineangebote der Verleger – und müssten deshalb verboten werden. Fazit „Netzpolitik.org“: „Man könnte laut lachen, allerdings wissen wir nicht erst seit dem Leistungsschutzgeld für Presseverleger, dass Forderungen dieser speziellen ,betroffenen Kreise‘ in der Politik regelmäßig sehr ernst genommen werden.“

Packen wir’s an

Was ist noch beliebter bei den Jüngeren als Adblocker? Richtig, Snapchat. Deshalb gibt’s jetzt auch die erste auf Snapchat spezialisierte Agentur, wie wir „Werben & Verkaufen“ entnehmen. Die Onlineausgabe des Branchenblatts hat deren Gründer Yvan Rodic interviewt, laut wuv.de in der Blogger-Szene „besser bekannt als ,Facehunter‘ und „immer noch einer der wichtigsten Influencer, ein digitaler Pionier“. Für Rodic wird „alles, was man bisher über Social Media gehört hat, von Snapchat infrage gestellt“. Die Plattform sei dabei, „die Idee von Content und dessen Kreation umzudefinieren“. Die meisten Inhalte müssten „auf Snapchat unter Live-Bedingungen hergestellt werden“. Dafür benötige man „eine solide und maßgeschneiderte Strategie“. Für Rodic fangen Unternehmen „gerade erst an zu verstehen, dass sie wenige Optionen haben, wenn sie die Gen Z oder Millennials erreichen wollen“. Da Snapchat so anders sei als alle anderen Social-Media-Plattformen, müssten Firmen erst noch herausfinden, „wie sie das anpacken sollen“.

Teil dieser Findungsphase sind offenbar die ersten Versuche deutscher Unternehmen, via Snapchat neue Mitarbeiter zu finden. So berichtet „Lead Digital“: „Statt Assessment Center heißt es bei Buddybrand nun ,Snapchat Challenge’. Die Social-Media-Agentur castet gerade einen Creative Director und setzt dabei ganz auf Snapchat.“ Buddybrand fordere die Bewerber heraus, „in verschiedenen Challenges ihre Kreativität und Spontanität mit unterhaltsamen Snaps und Stories unter Beweis zu stellen“. Allerdings beschränke sich die Kommunikation nicht auf Snapchat allein, so „Lead Digital“: „Vielmehr wird die Stelle über einen gezielten Mix aus Jobbörsen und Social-Media-Kanälen verbreitet – darunter Xing, Linkedin, StepStone, Facebook, Instagram, Twitter und der Karrierebereich auf buddybrand.de.“ Das liest sich jetzt aber leicht anders als „setzt dabei ganz auf Snapchat“. Vielleicht war da dann doch die Befürchtung, dass bei Snapchat only sich ausschließlich 12- bis 18-Jährige bewerben…

Sei schlau, klau auf dem Bau

Wie Journalismus heute mitunter geht, zeigt eine Farce, über die unter anderem „Meedia“ berichtet. Demnach hat das Portal „InStyle“ einen Artikel mit den „10 witzigsten Friseur-Salon-Namen aller Zeiten!“ veröffentlicht, die Story habe „ aus einem knappen Teaser und zehn eingebundenen Instagram-Postings“ bestanden. In dem Teaser-Text dazu habe es geheißen: „Bei der Namenswahl ihres Salons lassen viele Friseure ihrer Kreativität freien Lauf. Wir haben die zehn lustigsten Namen für euch zusammengestellt. MIT FOTOBEWEIS!“ Die Formulierung „für euch zusammengestellt“ höre sich nach großer Recherche an, sei aber, so „Meedia“, eine „Mogelpackung“. Tatsächlich habe die Autorin lediglich den Instagram-Account von Deef Pirmasens, dem Social-Media-Experten des Bayerischen Rundfunks, geflöht, der dort Fotos mit witzigen Friseur-Namen sammelt. Und aus zehn der Fotos den Artikel zusammengeschustert. Pirmasens habe seinen Ärger auf „sehr kreative Weise“ Luft gemacht: „Er entfernte einfach die entsprechenden Fotos und schon präsentiert das Fashion-Portal eine sehr leere Story.“ Außerdem beschwerte sich Pirmasens per Twitter bei „InStyle“, das sich wiederum zu einer Retourkutsche verleitet sah: „Glaub uns, mit schlechtem Stil hat das nichts zu tun, von Stil haben wir etwas mehr Ahnung. 😉 Schade, dass du dies nicht als positive Referenz siehst und diese Aufmerksamkeit ungenutzt lassen willst.“ Autsch.

Schnelldurchlauf – Was sonst noch war

„Lernen von Lukas Podolski: Warum ein Low Performer goldwert für das Team sein kann“, verrät uns „t3n“ in einer verschwurbelten Ode an „Teamgeist“, „Zusammenhalt“ und den „Mehrwert“ von Mitarbeitern. Das ist natürlich alles Unsinn, denn bekanntlich ist der Poldi kein Low Performer, sondern ein Löw-Performer!

Lesezirkel goes digital: Wie wir „Meedia“ entnehmen, hat „der Verband deutscher Lesezirkel eine App für seine Mitglieder entwickelt, die künftig das Lesen von Zeitschriftenmappen auf Tablets und Smartphones in öffentlichen Auslagestellen ermöglichen soll.“ Das versuchen wir uns gleich einmal vorzustellen: Oma Gertrud greift in der öffentlichen Auslagestelle Arztpraxis zum iPad, wischt sich durch die App von „Das Goldene Blatt“ und erfreut sich der multimedialen Features – The Times They Are a-Changin.

Auch das Leseverhalten scheint sich massiv zu ändern, wenn man überhaupt noch von Lesen sprechen kann: „Headlines only: 59 Prozent der Nutzer teilen Artikel ungelesen“, verrät uns abermals „t3n“. US-Forscher hätten „über 30 Tage insgesamt 2,8 Millionen Tweets zu 59.000 Inhalten ausgewertet“, das Ergebnis: „6 von 10 Lesern teilen Artikel, ohne sie gelesen zu haben.“ Wir wünschen den 4 Lesern, die es bis hier geschafft haben, ein schönes Wochenende!

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